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Zum Abschied

(Ich entnehme hier den Abschluss einer Ansprache von Prof. Begemann zu meinem 50. Geburtstag - Martin Schön)

Im Buch Kohelet, das in den aprokryphen Schriften der Bibel früher als Prediger Salomo überschrieben war, hat der Autor eine Bilanz von vielen Menschen und Generationen aufgeschrieben.

„Es ist alles ganz eitel. (1.2) Was hat der Mensch für Gewinn von all seiner Mühe, die er hat unter der Sonne? Ein Geschlecht vergeht, das andere kommt; die Erde aber bleibt bestehen (1.3-4)  Was geschehen ist, das wird wieder geschehen. Was man getan hat, eben das tut man hernach wieder, und es geschieht nichts Neues unter der Sonne (1.9). Man gedenkt derer nicht, die früher gewesen sind, und derer, die hernach kommen; man wird auch  ihrer nicht gedenken bei denen, die noch später sein werden. (1.11)“. Ich verkürze auf drei Aussagen:

Es ist alles vergeblich! So meint der Verfasser mit „alles ist eitel“, denn alles, was wir tun, kann die Welt nicht verbessern und wird vergehen.

Es ist alles eitel! Dieser Satz weckt Assoziationen zum Wort eitel: Tun Menschen, was sie tun, aus Eitelkeit? Geht es ihnen um die eigene Ehre?

Die Späteren nehmen die Einsichten ihrer Vorgänger nicht auf. Werden die gewonnenen Erkenntnisse für die Gestaltung unserer Welt nicht aufgenommen und weitergeführt. Das ist die Erfahrung vieler. Neue Besen kehren gut, heißt es auch bei uns. Es muss Fortschritt geben. Aber wohin? Felix Messerschmidt hat den Kindern das notwendige Recht zuerkannt, dass sie für ihre Lebensperspektive lernen und sie gestalten müssen. Das schließt aber die Einsichten der Mütter und Väter nicht aus.

Der Philosoph Max Horkheimer, ein Begründer der Frankfurter Schule, soll kurz vor seinem Tode 1973 gefragt worden sein und geantwortet haben (Diese Information habe ich mündlich von einem Kollegen):

Sie wissen so viel Schreckliches über uns Menschen und unsere Welt. Müssen sie nicht resignieren und alle Hoffnung auf eine bessere Welt aufgeben? Er soll geantwortet haben: Ja, sie haben recht. Es gibt so viel Erschreckendes, dass man nur verzagen kann. Und doch wache ich jeden Morgen auf und ich habe den Antrieb, das zu tun, was ich tun kann, damit es besser wird, wie ich hoffe.

 

In Morgen beginnt heut, von Mehmet Arat steht:

(Beltz & Gelberg, Weinheim)

 

Ich träume von einer Welt

in der alle leben können ohne Geld, ohne Hass, ohne Streit.

Ich möchte leben irgendwo ohne Sorgen, ohne Not,

in einer sauberen Umwelt ohne Schmutz und Dreck.

 

Ich möchte es erleben,

irgendwann so glücklich zu sein,

dass ich nicht mehr weinen muss.

Ich möchte leben in einer Gesellschaft,

wo die Leute zärtlich zueinander sind

und die Liebe groß geschrieben wird.

 

Ich träume von einer Welt,

in der keiner herrscht,

frei von Unterdrückung und ohne Klassen.

Ich träume davon, die Freiheit zu genießen:

So, was sie bedeutet und so, wie sie ist.

 

Ich träume davon,

dass meine Träume einmal Wirklichkeit werden.

Deshalb habe ich aufgehört zu träumen und ich habe die Ärmel aufgekrempelt

Für die Verwirklichung dieser Träume selbst etwas zu tun.

 

            

Thomas S. Eliot: 

Jeder Tag ist ein neuer Anfang.

 

Rede zur Trauerfeier für Ernst Begemann am 13. Dezember 2014 in Lörzweiler von Prof. Dr. Rudi Krawitz

Liebe Familie Begemann und Angehörige, liebe Trauergemeinde, meine Damen und Herren,

Vorbemerkung

Eine Laudatio auf Ernst Begemann zu halten ist eine Herausforderung besonderer Art. Und gerade deshalb fühle ich mich geehrt, dies heute versuchen zu dürfen. Aber unsicher, wie ich war, habe ich den Entwurf meiner Redeeinigen Menschen meines Vertrauens vorgelegt und um eine kritische Rückmeldung gebeten: „viel zu akademisch, zu abstrakt, zu viele Fachbegriffe, zu viele unterstellte Voraussetzungen, die keiner kennt, zu ausschweifend“, etc., etc....

Etwas verunsichert hat mich das schon. Was tun? … dann hab' ich einfach Ernst selbst gefragt. Und er: „Was? Du kennst mich doch, oder?! Hab' ich auf solche Einwände je Rücksicht genommen? Stell' Dich!“  - Okay, Ernst, ich versuch's...

Meine Laudatio, Ernst

Martin Schön, der aus unserem Kreis der wissenschaftlichen 'Begemann-Schüler' bis zuletzt den engsten Kontakt zu Ernst Begemann pflegte, zitiert auf dessen Homepage eine Bibelstelle aus einer seiner Reden im Jahr 2002: „Es ist alles ganz eitel. Was hat der Mensch für Gewinn von all seiner Mühe, die er hat unter der Sonne? Ein Geschlecht vergeht, das andere kommt; die Erde aber bleibt bestehen.“

Ein auf den ersten Blick scheinbar resignatives Diktum – wenn man das Adjektiv „eitel“ im alten Sinne von „nichtig“ oder „vergeblich“ versteht!

Alles vergeblich?

Ernst Begemann war doch einer, der im Sinne Martin Luthers noch  heute das berühmte Bäumchen pflanzte, auch wenn er wüsste, dass morgen die Welt unterginge. Als durch und durch kritischer Humanist und konkreter Utopist, war er – man könntefast sagen 'besessen' – von dem Impetus, überall, wo er Einfluss nehmen konnte, etwas zu bewegen und zum Guten zu verändern.

Durch und durch ein Pädagoge eben, im Sinne der griechischen PAIDEIA Platons: Pädagogik ist danach immer „Geleit zur Umwendung des ganzen Menschen in seinem Wesen“; nicht mehr, aber auch nicht weniger. Aber alles, was pädagogisch praktisch zu tun ist, muss theoretisch anspruchsvoll begründet sein; das war die unerbittliche Forderung des Erziehungswissenschaftlers Ernst Begemann. Und als dieser, als  Erziehungswissenschaftler , bewirkte er geradezu eine kopernikanische Wendung in der Sonderpädagogik.  

So, wie der Königsberger Philosoph und Aufklärer Immanuel Kant in seiner Kritik der reinen Vernunft eine kopernikanische Wendung in der Erkenntnistheorie herbeiführte, indem er uns aufforderte zu begreifen, dass die Gegenstände sich nach unserer Erkenntnis (unseren Begriffen) richten und nicht umgekehrt, so lehrte uns Ernst Begemann seit den 1970er Jahren, dass es falsch ist, den Blick auf die Lerndefizite von Schülern zu fokussieren: Lernbehinderte gibt es nicht, es gibt nur „individuell spezifisch Lernfähige“. Und der pädagogische Auftrag, der daraus resultiert, lautet: „Eigenwelterweiterung“ unter Berücksichtigung der „soziokulturellen Benachteiligung“ von Kindern und Jugendlichen in ihrer je spezifischen „Lebenswelt“. Die (geistige) „Eigenwelt“, in der jedes einzelne Kind lebt, denkt und handelt, ist die Basis für jede pädagogische und didaktische Intervention / Interaktion, wenn sie wirksam werden soll.

Der 'pädagogische Klassiker' zu dieser Sichtweise der „kopernikanischen Wendung in der Sonderpädagogik“ ist bis heute die Veröffentlichung von 1970: „Die Erziehung der soziokulturell benachteiligten Schüler“. Und Ernst Begemann musste diese seine pädagogische Sichtweise in vielen weiteren Publikationen immer wieder verteidigen und abgrenzen von einem bloß soziologischen Verständnis. Ein Thema, das ich hier und heute nicht weiter ausbreiten möchte, dem man vielmehr ein spezielles „Symposium in Memoriam Ernst Begemann“ widmen sollte.

Lernen im Sinne des Begemannschen Paradigmas erfolgt immer „individuell spezifisch“ und „gemeinsam“. Nur dann ist eine „selbsttätige Einsichtserweiterung“ als „Eigenwelterweiterung“ möglich. Lernen ist Eigenwelterweiterung. Dazu bedarf es theoretisch begründeter ausdifferenzierter diagnostischer  und didaktischer Konzepte. Auch diese hat Ernst Begemann mit seinen Mitarbeitern entwickelt; zunächst in seinem ersten Team mit Waldemar Breiten, Martin Schön, Heinz Valerius und Gerhard Vetter, später mit zahlreichen anderen Mitstreitern.

Eine anspruchsvolle kritische pädagogische Diagnostik, die positiv auf die Lernvoraussetzungen des jeweiligen Kindes bezogen ist, wurde als Alternative zur traditionellen defizitorientierten intelligenztestbasierten Diagnostik entwickelt. Und für die Umsetzung im Unterricht wurde das Konzept von individuellen Förderplänen mit den entsprechenden fachlichen, didaktischen und methodischen Hinweisen konzipiert.

Um sozio-kulturell benachteiligten Jugendlichen zu einem Hauptschulabschluss zu verhelfen, setzte Ernst Begemann beim Bildungsministerium für die damals so genannten Lernbehindertenschulen ein freiwilliges zehntes Schuljahr durch, wozu er mit seinem Team in einem groß angelegten Schulversuch sämtliche Lehrpläne entwarf,  erprobe und implementierte. Seinerzeit ein schulpädagogisches Erfolgsmodell!

Ähnliches leistete er mit dem Schulversuch „Innere Differenzierung und Individualisierung“, bei dem die Möglichkeiten der optimalen Anpassung der Lernanforderungen an das Vorwissen der Schülerinnen und Schüler erprobt und evaluiert wurden. Und schon in den 1980er Jahren experimentierten Ernst Begemann und  seine 'Jungs' mit den didaktischen Möglichkeiten der damals wirklich völlig neuen Computertechnologie.

Man sagt, das radikale Denken nehme mit zunehmendem Alter ab, man würde milder, toleranter. Bei Ernst Begemann war das genau umgekehrt. Mit zunehmendem Alter wurde sein Denken radikaler. Bloße Korrekturen am Bildungs- und Schulsystem  reichten ihm nicht mehr aus. Und so entwickelte er schließlich sein realutopisches Konzept einer „Wohnortintegrierten Schule für alle Vollzeitschulpflichtigen“; ein differenzierendes und individualisierendes Schulkonzept, in dem das bildungspolitische Postulat „Inklusion“ pädagogisch nachhaltig zu realisieren wäre, wenn sich das etablierte Schulsystem nicht so innovationsresitent verhielte.

Ich kann hier und heute nur einen Teil von Ernst Begemanns wissenschaftlichen und pädagogischen Leistungen fragmentarisch ansprechen. Die Breite und Vielfalt seiner wissenschaftlichen Interessen sind damit noch lange nicht erschöpfend dargestellt. Als der paradigmatische Typus des Weltbürgers vertrat er zu allen gesellschaftlichen, weltpolitischen, ethischen, anthropologischen, existenzphilosophischen Problemen und Fragen der Zeit eine fundierte und immer bekennende Position. Und so überforderte er uns oft mit seinem Wissen und der damit verbundenen kritischen Urteilskraft in den intellektuell anspruchsvollen Kolloquien, die er auch nach seiner Emeritierung in seinen Privaträumen abhielt.

Mit Ernst Begemann verlieren wir eine gewichtige Stimme im Bündnis für die Belange behinderter und benachteiligter Kinder und Jugendlicher und weit darüber hinaus auch im gesellschaftlichen Diskurs unserer sogenannten „Postmoderne“...

...aber nein, wir verlieren Dich nicht, Ernst. Du bleibst:

  • in Deinem Werk und
  • in unseren Köpfen,
  • unserer Seele...

solange wir noch leben...

 ...
und, Ernst, was zitiertest Du da 2002 aus Kohelet?
...“die Erde aber bleibt bestehen.“

Ich grüße Dich noch einmal, lieber Ernst, mit Kant, dem Dir lange voraus gegangenen anderen humanistischen Aufklärer, der sagt: „Tot ist nur, wer vergessen wird.“

Und wünsche Dir mit Friedrich Hölderlin: „...und herrlicher und freier walle Dein Geist ins unbekannte Land.“

Liebe Trauergemeinde, ich danke für Ihre Aufmerksamkeit!  

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